Der Citroën SM: Als französische Avantgarde auf Maserati-Power traf

Grüner Citroën SM als klassischer Gran Turismo vor einem Backsteinhaus

Eine automobile Vision ohne Kompromisse

Der Citroën SM war bei seiner Premiere auf dem Genfer Automobilsalon 1970 weit mehr als ein neues Coupé. Er war das futuristische Flaggschiff einer Marke, die technische Eigenständigkeit nicht als Marketingidee, sondern als konstruktives Prinzip verstand. Die lange, flache Karosserie, die verkleideten Scheinwerfer, die sechs Leuchteinheiten und die ungewöhnlich schmale Heckpartie machten den SM auf Anhieb unverwechselbar. Zugleich sollte er nicht nur auffallen, sondern auf langen Strecken außergewöhnlichen Komfort mit hoher Reisegeschwindigkeit verbinden.

Der besondere Reiz lag in der Verbindung zweier Automobilkulturen. Citroën steuerte die hydropneumatische Federung, die Hochdruckbremsanlage, die geschwindigkeitsabhängige Lenkung und die konsequente Suche nach aerodynamischer Effizienz bei. Maserati lieferte die italienische Motorenleidenschaft in Form eines kompakten V6. So entstand ein luxuriöses Reise-Coupé, das über 200 km/h erreichen konnte und dennoch nicht wie ein kompromissloser Sportwagen, sondern wie eine technisch hoch entwickelte französische Langstreckenlimousine gefahren werden wollte. Wer heute nach einem Citroën SM als Klassiker sucht, entdeckt deshalb ein Fahrzeug, das sich kaum in übliche Kategorien einordnen lässt.

Maserati-Herz im Aerodynamik-Körper

Ausgangspunkt des Projekts war Citroëns Wunsch, auf Basis der DS ein frontgetriebenes Fahrzeug zu entwickeln, das deutlich schneller als 180 km/h fahren konnte. Eigene V6- und V8-Konzepte wurden geprüft, doch die Kosten und der Zeitaufwand sprachen gegen eine vollständige Eigenentwicklung. Nach der Übernahme von Maserati im Jahr 1968 eröffnete sich eine naheliegende Lösung. Citroën-Direktor Pierre Bercot arbeitete mit Maseratis Chefingenieur Giulio Alfieri zusammen, um einen Motor zu schaffen, der sowohl italienische Charakteristik als auch französische Packaging-Anforderungen erfüllte.

Der daraus entstandene 90-Grad-V6 hatte 2,7 Liter Hubraum und leistete im frühen SM rund 170 DIN-PS. Die Konstruktion war kompakt genug, um quer beziehungsweise eng in die Frontantriebseinheit integriert zu werden, und arbeitete mit einem Fünfganggetriebe. Spätere Varianten erhielten unter anderem drei Liter Hubraum und Einspritzung, wodurch je nach Ausführung bis zu etwa 180 PS verfügbar waren. Die Leistung war für die Zeit beachtlich, doch entscheidender als reine Beschleunigungswerte war die Fähigkeit, über lange Distanzen ein hohes Tempo mit vergleichsweise geringer Anstrengung zu halten.

Offener Motorraum eines Citroën SM mit Maserati-V6 und grünen Aggregaten
Der Maserati-V6 verlieh dem SM nicht nur Leistung, sondern prägte entscheidend seinen Charakter als komfortabler Hochgeschwindigkeits-Reisewagen.

Die Form von Robert Opron unterstützte dieses Konzept konsequent. Die Karosserie war nicht nur extravagant, sondern strömungsgünstig gestaltet. Die abfallende Front, die langgezogene Dachlinie und die schmale Heckpartie reduzierten den Luftwiderstand und verliehen dem Wagen seine besondere Hochgeschwindigkeitsstabilität. Die Karosseriefertigung übernahm aus Kostengründen Chausson, während die letzten unfertigen Fahrzeuge von Ligier aufgebaut wurden. Insgesamt entstanden zwischen 1970 und 1975 lediglich 12.920 Exemplare, was den SM heute zu einem ausgesprochen seltenen französischen Grand Tourer macht.

  • Der 2,7-Liter-Maserati-V6 leistete etwa 170 DIN-PS.
  • Das Fünfganggetriebe unterstützte den SM als schnellen Langstreckenwagen.
  • Die Aerodynamik ermöglichte je nach Version Geschwindigkeiten von deutlich über 200 km/h.
  • Die Produktion blieb mit 12.920 Fahrzeugen ausgesprochen klein.

Die Kombination war technisch überzeugend, wirtschaftlich jedoch schwierig. Der SM war schwerer und komplexer als ein klassischer Sportwagen, zugleich deutlich teurer als viele konventionelle Coupés. Die Ölkrise verschärfte die Situation, da der leistungsorientierte V6 einen hohen Kraftstoffverbrauch hatte. Zusätzlich schadeten frühe Probleme mit der Steuerkettenspannung dem Ruf des Motors. Der Wettbewerbserfolg beim Rallye du Maroc 1971 zeigte zwar die Belastbarkeit des Grundkonzepts, konnte die schwierige Marktlage aber nicht dauerhaft ausgleichen.

DIRAVI und Hydropneumatik als Fahrwerksrevolution

Die DIRAVI-Lenkung, deren Name für eine variable hydraulische Servolenkung steht, gehört zu den prägendsten Eigenschaften des SM. Anders als bei einer konventionellen Servolenkung nahm die Unterstützung mit steigender Geschwindigkeit ab. Im Stand und bei niedrigen Geschwindigkeiten ließ sich das große Coupé leicht rangieren, während die Lenkung auf der Autobahn zunehmend straffer wirkte. Eine automatische Rückstellung brachte das Lenkrad nach Kurven selbsttätig in die Mittellage zurück. Das schafft bei hohem Tempo eine bemerkenswerte Spurtreue, verlangt aber zunächst eine andere Handhabung als moderne Lenkungen.

Die hydropneumatische Federung stammte konstruktiv aus der DS-Familie. Statt klassischer Stahlfedern arbeiteten Federkugeln mit Stickstoff und hydraulischem Druck. Das System hielt die Fahrzeughöhe unabhängig von der Beladung konstant und erlaubte eine Anpassung der Bodenfreiheit. Unebene Fahrbahnen wurden nicht einfach weich überrollt, sondern schienen unter dem Fahrzeug an Bedeutung zu verlieren. Gerade auf langen Autobahnetappen lag darin der wesentliche Vorteil: Der SM konnte schnell bewegt werden, ohne seine Insassen mit ständigen Stößen und Karosseriebewegungen zu ermüden.

Auch die Bremsanlage war hydraulisch unterstützt und reagierte ungewöhnlich direkt. Der kleine, bodenmontierte Bremsschalter beziehungsweise Bremsknopf erforderte eine feinfühlige Bedienung. Das Prinzip wirkt aus heutiger Sicht ungewohnt, bietet bei korrekter Eingewöhnung jedoch eine präzise Dosierbarkeit. Zusammen mit den innenliegenden vorderen Bremsen, der selbstnivellierenden Federung und den automatisch ausgerichteten Scheinwerfern entstand ein Gesamtpaket, das konventionellen Grand Tourern seiner Zeit deutlich voraus war.

Technologie Citroën SM Konventioneller Grand Tourer der Epoche
Lenkung Geschwindigkeitsabhängig, hydraulisch unterstützt und selbstzentrierend Mechanische oder konventionelle Servolenkung mit stärkerer Rückmeldung
Federung Hydropneumatisch, selbstnivellierend und höhenverstellbar Stahlfedern mit fester Fahrzeughöhe
Bremsen Hochdruckhydraulik mit sehr kurzem Bedienweg Konventionelles Pedal mit längerem Weg
Scheinwerfer Teilweise hydraulisch schwenkbar und automatisch nivelliert Starre Leuchten ohne dynamische Ausrichtung

Diese Systeme waren keine isolierten Spezialeffekte. Sie arbeiteten zusammen, um Komfort und Stabilität gleichzeitig zu ermöglichen. Das war der zentrale technische Gedanke des SM. Die Federung filterte Unebenheiten, die Lenkung stabilisierte den Geradeauslauf, und die aerodynamische Karosserie reduzierte den Aufwand für hohe Geschwindigkeiten. Die Kehrseite war ein hoher Wartungsanspruch. Wer den hydraulischen Kreislauf, die Federkugeln oder die Lenkung vernachlässigt, verliert nicht nur Komfort, sondern auch einen wesentlichen Teil der konstruktiven Sicherheit.

Faszination im Alltag zwischen Luxus und technischem Anspruch

Auf der Autobahn zeigt der SM seine eigentliche Bestimmung. Er wirkt bei hohem Tempo nicht nervös, sondern gleitend und souverän. Die lange Karosserie liegt ruhig, während der V6 mit charakteristischem Klang an Drehzahl gewinnt. Ein gut eingestelltes Fahrzeug kann seine Geschwindigkeit so mühelos aufbauen und halten, dass die Distanz zwischen zwei Städten deutlich kürzer erscheint. Die hydropneumatische Federung bewahrt dabei einen Komfort, der selbst bei vielen modernen Fahrzeugen nicht selbstverständlich ist.

Auf kurvigen Landstraßen tritt stärker hervor, dass der SM kein gewöhnlicher Sportwagen ist. Seine Lenkung reagiert direkt und kehrt selbsttätig zur Mittellage zurück. Deshalb sollte das Lenkrad nicht gegen die Rückstellkräfte festgehalten werden. Kleine, ruhige Korrekturen funktionieren besser als hektische Bewegungen. Auch die Hochdruckbremse verlangt einen dosierten Fuß. Wer sich an diese Eigenheiten gewöhnt, erlebt eine präzise und sichere Fahrzeugkontrolle. Die gelegentlich verwendete Bezeichnung als schwer beherrschbares Fahrzeug beschreibt daher häufig eher die ungewohnten Bedienkräfte als eine grundsätzlich gefährliche Konstruktion.

Der Innenraum setzt die französische Eigenständigkeit fort. Die Sitze sind auf lange Strecken ausgelegt, die Instrumentierung wirkt wie ein technisches Cockpit, und zahlreiche Details folgen nicht dem damals üblichen Schema. Gleichzeitig hatte der SM praktische Grenzen. Die hinteren Plätze sind eher für kurze Fahrten geeignet, und die ungewöhnlich geformte Karosserie nutzt den verfügbaren Gepäckraum nicht so effizient wie eine klassische Limousine. Auch die Sitzunterstützung wurde zeitgenössisch teilweise kritisiert. Für Sammler ist deshalb wichtig, zwischen dem besonderen Charakter und den tatsächlichen Alltagserwartungen zu unterscheiden.

  • Die größte Stärke liegt im entspannten Hochgeschwindigkeitsreisen.
  • DIRAVI und Hochdruckbremse benötigen eine bewusste Eingewöhnung.
  • Die Federung bietet außergewöhnlichen Komfort bei konstanter Fahrzeughöhe.
  • Rücksitz- und Gepäckraum sind funktional, aber nicht die Hauptargumente des Modells.

Auch die sechs Scheinwerfer gehören zum Nutzungserlebnis. Die inneren Leuchten konnten der Kurvenrichtung folgen und verbesserten dadurch die Ausleuchtung. In Deutschland führten die Leuchten zunächst zu Zulassungsproblemen, bis sich die rechtlichen Rahmenbedingungen im November 1971 änderten. Solche Details machen deutlich, wie weit der SM seiner Zeit voraus war. Er verlangte von Fahrern, Werkstätten und Behörden gleichermaßen die Bereitschaft, bekannte Lösungen neu zu denken.

Leitfaden für Sammler zu Wartung und Werterhalt

Ein Citroën SM sollte nicht nach dem Preis des Fahrzeugkörpers allein bewertet werden. Bei diesem Modell ist eine solide Karosserie oft die bessere Ausgangsbasis als eine vermeintlich günstige, technisch bereits überholte Restaurierungsbasis. Rost, schlecht reparierte Unfallschäden und eindringendes Wasser können hohe Kosten verursachen. Besonders der Bereich um die Heckscheibendichtung, Abläufe und den Kofferraum verdient Aufmerksamkeit. Eine feuchte Innenausstattung oder Korrosion an schwer zugänglichen Stellen kann auf länger bestehende Dichtigkeitsprobleme hinweisen.

Auf der Motorseite sind regelmäßige Wartung und nachweisbare Arbeiten entscheidend. Die Steuerketten und ihre Spannvorrichtungen gelten als zentrale Prüfpunkte. Ein beschädigter oder verschlissener Kettenspanner kann zu schweren Motorschäden führen. Ebenso müssen Ventilspiel, Zündanlage, Vergaser beziehungsweise Einspritzung, Kühlung und die aufwendig geführten Nebenaggregate kontrolliert werden. Der V6 ist kein Motor, der mit gelegentlichen Ölwechseln und allgemeiner Sichtprüfung dauerhaft zuverlässig bleibt. Viele historische Probleme entstanden auch deshalb, weil Werkstätten mit der speziellen Konstruktion nicht vertraut waren.

Die Hochdruckhydraulik erfordert eine systematische Diagnose. Federkugeln, Leitungen, Dichtungen, Druckspeicher, Höhenkorrektoren und die DIRAVI-Lenkung sollten von einer Fachperson geprüft werden. Beim Fahrzeugkauf zählt nicht nur, ob sich der SM hebt und senkt. Wichtig ist auch, wie schnell das System Druck aufbaut, ob die Fahrzeughöhe stabil bleibt und ob Lenkung und Bremsanlage ohne ungewöhnliche Geräusche oder Verzögerungen arbeiten. Ersatzteile sind nicht für jedes Bauteil problemlos verfügbar. Einige Komponenten teilen sich konstruktive Verwandtschaften mit anderen Citroën-Modellen, viele SM-spezifische Teile werden jedoch über Clubs, Spezialbetriebe und darauf ausgerichtete Händler betreut.

  1. Karosserie auf Rost, frühere Unfallschäden, Heckscheibendichtung und verstopfte Abläufe prüfen lassen.
  2. Motor kalt und warm starten, Steuerkettengeräusche beachten und Wartungsbelege zu Kettenspannern sowie Ventilspiel verlangen.
  3. Hydrauliksystem, Federkugeln, Druckspeicher, Bremsen und DIRAVI-Lenkung durch eine SM-erfahrene Fachwerkstatt testen lassen.
  4. Probefahrt auf unterschiedlichen Straßen durchführen, damit Geradeauslauf, Höhenregelung, Schaltbarkeit und Temperaturverhalten erkennbar werden.
  5. Vor dem Kauf die Ersatzteilversorgung, die Dokumentation und ein realistisches Budget für laufende Wartung klären.

Für den langfristigen Werterhalt sind regelmäßige Bewegungsfahrten besser als jahrelanges Abstellen. Dichtungen, hydraulische Komponenten und Kraftstoffsysteme profitieren davon, wenn das Fahrzeug sachgerecht betrieben wird. Öl, Kühlmittel und Hydraulikflüssigkeit sollten nach Herstellervorgaben und mit geeigneten Produkten kontrolliert werden. Dabei ist die korrekte Flüssigkeit ebenso wichtig wie die Entlüftung und der fachgerechte Austausch. Unsachgemäße Reparaturen an der Hydraulik können den ursprünglichen Komfort verschlechtern und später deutlich höhere Kosten verursachen.

Bei der Auswahl zwischen Vergaser- und Einspritzversionen sollten nicht nur Leistung und Originalität zählen. Vergasermodelle gelten vielfach als leichter zugänglich und in der Teileversorgung unkomplizierter, während Einspritzvarianten technisch weiterentwickelt wirken und einen sportlicheren Charakter besitzen können. Entscheidend bleibt der Zustand des konkreten Fahrzeugs. Eine lückenlos dokumentierte, fachgerecht überholte Version ist in der Regel die bessere Investition als ein vermeintliches Schnäppchen mit unbekannter Vorgeschichte. Der SM Club und spezialisierte Werkstätten sind für Kaufinteressenten wichtige Anlaufstellen, weil allgemeine DS-Erfahrung allein nicht automatisch für die komplexere SM-Technik ausreicht.

Das bleibende Erbe einer automobilen Sternstunde

Der Citroën SM steht für eine seltene Phase, in der ein Hersteller bereit war, Komfort, Aerodynamik, Fahrwerk und Antrieb ohne Rücksicht auf Konventionen zu einem eigenständigen Gesamtkonzept zu verbinden. Seine Stärke liegt nicht in einem einzelnen spektakulären Bauteil, sondern in der Harmonie aus Maserati-V6, Frontantrieb, Hydropneumatik, DIRAVI und futuristischer Karosserie. Mit rund 12.920 gebauten Fahrzeugen blieb dieses Konzept exklusiv, auch wenn es wirtschaftlich nie die breite Wirkung eines Volumenmodells erreichen konnte.

Heute weckt der SM gerade wegen seiner technischen Komplexität Begehrlichkeiten. Er ist kein Klassiker für die unvorbereitete Wartung in jeder beliebigen Garage und kein Fahrzeug, dessen Unterhalt sich allein anhand des Kaufpreises planen lässt. Für Enthusiasten, die fachkundige Pflege, sorgfältige Prüfung und eine realistische Kostenplanung akzeptieren, bietet er jedoch etwas, das nur wenige Automobile seiner Zeit vermitteln: entspanntes Reisen mit hoher Geschwindigkeit, unverwechselbarem Design und einer Technik, die sich bei jeder Fahrt bemerkbar macht. Als zukunftsweisender Klassiker bleibt der SM deshalb ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie mutig Automobilbau sein kann, wenn Komfort und Ingenieurskunst nicht gegeneinander ausgespielt werden.